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Elektrofisch statt Aspirin

22.11.2004


Wie alte Kulturen Schmerzen behandelten



Im antiken Mittelmeerraum war es bei der Behandlung von schmerzenden Gliedern verbreitet, diese in Bottiche zu tauchen, die von elektrischen Fischen wimmelten. Die Torpedorochen versetzten den griechischen oder römischen Patienten Stromschläge und linderten dadurch deren Leiden. In medizinischen Schriften dieser Zeit werden die Tiere auch zur Behandlung chronischer Kopfschmerzen empfohlen. Dieser Therapieansatz hielt sich verblüffenderweise bis hinein ins 19. Jahrhundert, als endlich Apparaturen zur Bereitstellung von Elektrizität zur Verfügung standen. Die oft kuriose Geschichte der Schmerztherapie stellt Dr. Rainer Sabatowski von der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Universität zu Köln in der Fachzeitschrift "Current Pharmaceutical Design" vor.

Eigentlich sind Schmerzen eine sinnvolle Erfindung, weil sie uns warnen, wenn der Körper Schaden zu nehmen droht. Bei chronischen Schmerzen ist diese Schutzfunktion aber aufgehoben und Menschen aller Zeiten waren einfallsreich beim Versuch, diese abzustellen.
Glücklicherweise sind nicht mehr alle davon gebräuchlich. Das Jahrhunderte lang populäre Allheilmittel Theriak wurde aus bis zu 70 Grundstoffen, zu denen zeitweise auch Fleisch von Giftschlangen gehörte, zusammengebraut. Aber auch in unseren Tagen hat, wie der Wirbel um die Nebenwirkungen des als Superaspirin angepriesenen Vioxx zeigt, die Entwicklung von Schmerzmitteln ihr Ziel noch nicht erreicht. Welche Therapie ersonnen wird, hängt heute wie schon damals davon ab, welche Ursache die Heilmächtigen, ob Medizinmann, Arzt oder Apotheker, als Ursache der Qualen annehmen. Bei einem gebrochenen Arm ist diese leicht zu erahnen. Innere und damit Schmerzen unsichtbarer Herkunft dagegen spornten die Phantasie enorm an, wie aus Sabatowskis Abhandlung hervorgeht.



Bei Naturvölkern ist der Glaube verbreitet, dass sich ein böser Geist des Körpers bemächtigt hat. Um des Dämons, der die Leiden verursacht, wieder ledig zu werden, muss er von einem Schamanen vertrieben werden. Und zwar auf dem Weg, auf dem er sich in den Körper eingeschlichen hat, durch Mund, Nase oder Ohren. Zum Nachhelfen findet sich in vielen Kulturen die Technik, gezielt Schnittwunden anzubringen oder gar ein Loch in den Schädel zu bohren. Weniger derb wurde im alten Ägypten zum Herausschneuzen oder Erbrechen des fremden Wesens aufgefordert. Die Ägypter waren es auch, die auf schmerzende Haut, Frösche legten, die aber zuvor in Öl gebraten werden mussten.

Schmerzen wurden nicht nur dem Wirken böser Geister zugeschrieben, sondern sogar göttlicher Bestimmung. Im jüdisch-mesopotamischen Kulturraum und der Bibel findet sich die Vorstellung von Schmerzen als einer Strafe für begangene Sünden oder zumindest als einer Prüfung Gottes. Daher seien sie nun mal zu erdulden. Andererseits konnte, ebenfalls mit Beruf auf Bibelquellen, argumentiert werden, der Allvater habe doch die Heilkräuter wachsen lassen, also könne deren Verwendung nicht verwerflich sein. Besonders aber Frauen hatten es schwer, denn schließlich sagt die heilige Schrift: "In Schmerzen sollst du Kinder haben". Erst als die englische Königin Viktoria 1853 ihre achte Entbindung dank Chloroform nicht so ganz bei Sinnen erlebte, wurden Narkose und Schmerzmittel als Geburtserleichterung in der Öffentlichkeit breiter akzeptiert.

Auch in der Gegenwart ist es ein Ziel, gerade bei vielen chronisch Schmerzkranken, unnötiges Leiden zu vermeiden. Daher gewinnt die Palliativmedizin seit einigen Jahren an Bedeutung. Ihr Schwerpunkt liegt nicht in der oft aussichtslosen Heilung von schwerkranken Menschen, sondern versucht deren Schmerzen und Symptome zu lindern. Die erste palliativmedizinische Einrichtung Deutschlands wurde 1983 in Köln eröffnet.

Verantwortlich: Volker Weinl

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Rainer Sabatowski unter der Telefonnummer 0221/478-4884, der Fax-Nummer 0221/478-6785 und unter der Email-Adresse rainer.sabatowski@uni-koeln.de zur Verfügung.

Gabriele Rutzen | idw
Further information:
http://www.uni-koeln.de

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